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Fotografie im Zeichen der Zeit

Was ist unsere Identität? Ein gedankliches Gebilde, das persönlich gesetzte Grenzen im eigenen Selbst akzeptiert oder gar eine Ansammlung übernommener Weltansichten der Umwelt, in denen wir unseren eigenen Weg gefunden haben? Höchstwahrscheinlich eine Mischung aus beidem, die uns in manchen Situationen zu einem Gefangenen unserer Selbst, unserer Gedanken und Anschauungen macht.

Um uns zu befreien braucht es Spielräume, die einladen, Altes, Festes und Unbewegbares zu brechen, es zu vergessen, Neues erwachsen zu lassen. Denn ohne beide Kräfte – das Erschaffen und das Zerstören – funktionieren Lebenszyklen nicht. Das gilt für das Individuum, wie für Umwelt und ihre Gesellschaft. Wie also erkennt man Spielräume, wenn alles herum statisch erscheint, wann ist der Geist frei zu erkennen, was Änderung und Neuerung bedarf? Hier hat sich über Jahrzehnte hinweg die Fotografie eine tiefe psychologische Nische gebaut. Denn sie fungiert nicht nur als künstlerisches Medium, sondern besitzt auch die Kraft, unser Denken auf die Fährten von dem Gegensatz des Festen und des Fließenden zu führen.

In Henri Cartier-Bressons Children playing at the Berlin Wall von 1962 führt das Medium diese Fähigkeit dem Besucher eindrücklich vor Augen. Durch die offensichtliche Dechiffrierbarkeit von Enge und Weite, dem Spiel der Kinder und dem Gräuel der Mauer, versetzt es den Betrachter in einen Zustand der Kontemplation, zuerst über die externen Gegebenheiten, vielleicht die ästhetische Qualität, aber in Konsequenz auch immer über momentane Grenzen, momentane Freiräume, den eigenen Stand zu diesen. Introspektive Gedanken erlauben auch die beiden Identical Twins von Diane Arbus aus dem Jahre 1967. Was wenn es jemanden gäbe, der genau wie ich wäre? Denken diese beiden Mädchen gleich, würden der Zwilling und ich die gleiche Identität teilen? Dies mag sich der Spektator fragen. Freilich gibt es keine endgültigen Antworten in dieser Form des Dialogs zwischen künstlerischem Medium und Betrachter. Doch nur schon in der Auseinandersetzung kommt der Fotografie der Platz der visuellen Philosophie zu, visuell ästhetisch und intellektuell bewegend. Hermann Mucks Hands von 2016 verdeutlicht diese These. Wer fragt sich nicht, wie alt die Frau war, was diese Hände gearbeitet haben und vielleicht sogar ob sie ein gutes Leben führen konnte bei all dieser vermeintlich harten Arbeit? Fragen, die sich sonst nur die Philosophen laut stellen.

Natürlich hat Fotografie sich auch über die Jahre in ihrer Identität gewandelt und sich neue Spielräume erkämpft. Während früher Tabus wie Transsexualität für Pierre Molinier oder bondagierte Frauenkörper für Nobuyoshi Araki die Möglichkeit gaben, etwas Verbotenes zu brechen, indem sie es in den Fotoblitz zerrten, gibt heute das Verbergen und subtile Andeuten der wenigen geblieben Tabus Gelegenheit zum Träumen. Statt aus dem Dunkeln ins Licht, wird nun wieder etwas Dunkelheit in die ausgeleuchtete Tabu-Welt gebracht.

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